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Michel Piccoli Über Peter Brook

Durch Peter Brook habe ich den Beruf des Schauspielers wiedererlernt

 

Olivier Ortolani: 1963 haben Sie zum ersten Mal mit Peter Brook gearbeitet, als er gemeinsam mit François Darbon Rolf Hochhuths Der Stellvertreter im Théâtre de l’Athénée in Paris inszenierte. Sie spielten darin den SS-Obersturmbannführer Kurt Gerstein, der die päpstliche Nuntiatur in Berlin überzeugen will, gegen die Ermordung der Juden in den Konzentrationslagern der Nazis einzuschreiten. 1981 kam es zu einer weiteren Zusammenarbeit, als Sie in den Bouffes du Nord die Rolle des Gajew in Tschechows Der Kirschgarten übernahmen. Und 2003 konnte man Sie sehen in Carol Rocamoras Deine Hand in meiner, einem Zweipersonen-Stück, das auf dem Briefwechsel beruht zwischen Anton Tschechow, den Sie spielten, und seiner Frau, der Schauspielerin Olga Knipper, die Brooks Frau Natasha Parry gab. Welche Eigenschaften des Regisseurs Peter Brook würden Sie als besonders markant bezeichnen?

Michel Piccoli: Freiheit und Unabhängigkeit zeichnen ihn aus. Ihm fehlt der Wettbewerbsgeist. Ich glaube, er ist ein Mann, der es versteht, stärker zu sein als die Zeit. Er ist ein luxuriöser Mensch, im edelsten Sinne des Wortes, weil er selbstverständlich den Luxus nie zeigt. Er versteht es, ökonomisch zu arbeiten. Er behelligt die Leute, mit denen er arbeitet, nicht mit seiner Aura oder seiner Berühmtheit oder der Arbeit, die er vorher getan hat. Er ist von einer seltenen Diskretion, wenn es um ihn selbst geht. Auf andere Menschen ist er sehr neugierig. Er schaut sich Filme an, er schaut sich Theateraufführungen an, selbst wenn sie meilenweit von seiner Arbeit entfernt sind. Er geht hin, um zu lernen, er ist neugierig auf alles. Viele Leute leben in ihrer prachtvoll geschlossenen Kugel. Er dagegen schaut sich alles an, hört sich alles an, lernt aus allem.

Peter Brook ist ein Kosmopolit, und das ist wundervoll. Man weiß nicht, ob er Russe, Engländer, Inder oder Franzose ist. Ihm zu begegnen ist immer eine Freude und eine Bereicherung. Man spricht von ihm wie von einem Theaterpapst, wie von einem Guru, einem Unberührbaren, einem außerirdischen Wesen. Dabei gibt es kaum jemanden, der konkreter ist als er. Während der Arbeit ist er den Mitarbeitern, den Schauspielern, allen gegenüber äußerst aufmerksam. Er ist auch sehr streng, er besitzt eine Autorität, die erschreckend wirken könnte, wüsste man nicht, dass er auch eine unendliche Schüchternheit und Höflichkeit besitzt.

Er erinnert mich ein bisschen an Bunuel, der zu sagen liebte: „Ich verabscheue die Künstler. Aber Sie sind ein sehr großer Künstler“. Beide Männer sind gleicher Größe, die einen in Erstaunen versetzen, aber die man nicht analysieren kann und soll.

In sein Arbeitssystem einzutreten heißt, Forschungsarbeit zu betreiben, nicht nur am Text oder am Spiel des Schauspielers. Er hat nicht wie Stanislawski oder Brecht eine Schule gegründet. Man spricht nicht von der Schule, sondern von der Welt Peter Brooks. In der konkreten Arbeit heißt das, dass er seine Projekte sehr lang vorbereitet, sich ihnen sehr behutsam nähert, aber nie über seine Kultur oder sein Wissen redet. Er entzündet wirklich die Fantasie der Leute und lässt sie sich die Frage stellen: Was ist der verborgene Sinn dieses Werks?

 

Auszug aus einen Gespräch mit Michel Piccoli, abgedruckt in: Olivier Ortolani (Hrsg.): Peter Brook – Theater als Reise zum Menschen, Alexander Verlag Berlin.

P.S.: Peter Brooks Inszenierung Why? sollte jetzt im Mai im Théâtre National du Luxembourg gezeigt werden, ist aber wegen der Corona-Krise, auf die nächste Spielzeit verschoben worden.

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