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Vorwort

Und dann? Was bleibt?

Wenn alles vergessen ist, wenn Politik und Medien sich abwenden, wenn alles verbraucht ist, alles kippt, die Stimmen verstummen und das Schweigen die letzten Lebenszeichen begräbt, wenn nur noch Krümel zu ernten sind…

Dann betritt das Theater das Spiel. Einem Archäologen gleich durchforscht es die Ruinen, untersucht das, was auf den ersten Blick unbedeutend scheint, um endlich, Schritt für Schritt, Etappe für Etappe das Gebäude der Erinnerungen wiederaufzubauen, ein Gebäude verschmähter Wirklichkeiten, vergessenen, geklauten, verneinten Lebens.

Wie ein Zauberer alsdann baut das Theater die Vergangenheit nicht bloß auf, es rückt sie zurecht, es erfindet sie neu.

In der Spielzeit 18/19 wird das Théâtre National du Luxembourg zum Archäologen, vielleicht sogar zum Zauberer, der Sie, liebes Publikum, zu dieser wunderbar subversiven Wirklichkeit der Bühne führt: zum Theater!

 

Nationalismus … und dann?

Das Theater muss das Wort ergreifen: gegen die Abkapselung einer auf sich selbst bezogenen Politik, gegen die nationalistischen Auswüchse der radikalen Rechten, die längst kein Blatt mehr vor den Mund nehmen. Aber das Theater muss das Wort anders ergreifen, muss versuchen, die Sprache dieser Menschen zuerst zu verstehen, um sie dann zu hinterfragen. Dies tut auf beeindruckende Weise der junge Lars Werner in Weißer Raum.

Wie die Erwachsenen entwickeln auch die Jugendlichen in L’Île sauvage von Serge Wolfsperger Verhaltensweisen, die perfekt die modernen Strategien von Macht und Abgrenzung reproduzieren.

 

Krieg … und dann?

100 Jahre danach. Drei Projekte zeigt das TNL zum Ersten Weltkrieg: ein abgefahrenes Rockmusikdrama von Wolfsmehl über den letzten deutschen Kaiser Wilhelm II., eine bewegende musikalische Lesung über Le Violoncelle de guerre mit Emmanuelle Bertrand und François Marthouret und eine fesselnde Heraufbeschwörung des Weltenbrandes, das der Erste Weltkrieg darstellte.

100 Jahre danach. Er hat alle Lager überlebt, im Wechsel zwischen Krieg und Frieden, zwischen Konservatismus und Rebellion: Alexander Solschenizyn, geboren 1918, wird auf der Bühne in der Person von jungen Schauspielschülern der Akademien aus Moskau, Berlin und Wien neues Leben erlangen.

Mit Hiroshima mon amour kehrt Fanny Ardant ins TNL zurück und erzählt über Liebe in Kriegszeiten und die Verwüstungen des Friedens. Grounded konfrontiert uns mit der starken Stimme einer Frau, die als US-Pilotin keine Mörderin sein will. Eine weitere, genauso zersetzende Frauenstimme ist die von Yasmina Reza, die in Le Dieu du carnage vom alltäglichen Gemetzel in unseren Familien berichtet.

 

Kapitalismus … und dann?

Henrik Ibsens legendärer Peer Gynt ist einer der ersten Kapitalisten der Theaterliteratur. Aber dieser gewaltbereite Egoist und Lügner ist auf der anderen Seite auch ein Träumer und Fantast.

Jeden Abend setzen die Schauspieler alles auf eine Karte, wiederholen und zerlegen zugleich kapitalistische Mechanismen. Dabei kann man, wie in Die Spieler nach Dostojewski, eine ganze Palette wunderbarer Schauspielerinnen und Schauspieler entdecken.

In EUROPE-My Heart Will Be Broken and Eaten ersinnt Regisseur Armin Petras einen ungewöhnlichen Dialog zwischen Ost und West, wo sich heute in Europa zwei Sprachlosigkeiten gegenüberstehen.

 

Vergangenheit … und dann ?

Was bleibt, 50 Jahre danach, von den Ideen und Träumen von Mai 68? Und was ist aus den Protestlern von damals geworden, sind die Helden wirklich so müde, wie Claude Frisoni boshaft meint? Das italienische Kollektiv ErosAntEros versucht mit Vogliamo tutto! die Energie von Mai 68 für heute neu zu fassen.

Le Duo sportif zeigt zwei vergessene Biographien, die das Theater der Versenkung entreißt. Geheimnisse werden auch in Wilde nach Lady Windermer’s Fan enthüllt und als Lügengeflecht bestimmen sie fortan die Vergangenheit wie die Gegenwart.

 

Die Hausautoren

Rafael David Kohn, der junge Autor, den das TNL in der neuen Spielzeit als Hausautor gewählt hat, vertritt ein engagiertes Theater. In seinem Text Demandez au Président stellt er einen afrikanischen Diktator einer europäischen Journalistin gegenüber, während er sich für sein neues Stück, das er in der Zeit seiner Residenz am TNL schreibt, ein historisches Thema aus der einheimischen Geschichte vorgenommen hat. Und da geht es um Politik und auch um Macht.

Mit dem bulgarischen Autor Stefan Ivanow hat das Théâtre National einen weiteren Autor „in residence“ gewählt, der – und das ist neu – nicht aus unserer Region stammt. Er wird im Herbst in Luxemburg arbeiten und sein neues Stück in der darauffolgenden Spielzeit zur Aufführung bringen.

Vor 10 Jahren war Pol Greisch Hausautor am TNL. Damals hatte er mit Fënsterdall ein großartiges Stück geschrieben, das wir in dieser Spielzeit in einer szenischen Lesung wiederaufnehmen: eine Hommage an den verstorbenen Thierry van Werveke, der damals wegen Krankheit nur die Premiere spielen konnte.

 

Und danach … oder vorher ?

Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn informieren Sie die Einführungen von Simone Beck und Betty Belais über die Thematik des Abends. Darüber hinaus wird im Public Forum über aktuelle Themen zu bestimmten Projekten diskutiert.

Entdecken Sie die Archäologen des heutigen Theaters, überraschen Sie den einen oder anderen Zauberer im TNL, lassen Sie sich faszinieren!

Frank Hoffmann

Intendant