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Vorwort - WahnSinn!

WahnSinn!

15 Jahre Théâtre National du Luxembourg

Als vor 15 Jahren das Théâtre National du Luxembourg gegründet wurde, gab es heftigen Aufruhr, nicht nur in der Szene, auch in der Politik. Warum gerade jetzt? Warum überhaupt ein neues Theater? Braucht Luxemburg dieses Theater?

Veränderung macht Angst

Die Störenfriede, die gar keine sein wollten, sondern nur an Bewegung dachten, gaben nicht auf. Sie hatten etwas vor. Sie verfolgten mit der Gründung des TNL damals vor allem eine Absicht: das Theaterleben in Luxemburg zu internationalisieren. Die Luxemburger Künstler sollten eine Plattform im Ausland erhalten, und umgekehrt sollten herausragende Künstler aus den Nachbarländern zusammen mit hiesigen Kollegen das Theater in Luxemburg neu beleben. Das hatte es sicher auch schon vorher gegeben, doch nicht mit diesem dezidierten Anspruch und in dieser Systematik.

Heute ist dies in Luxemburg fast schon zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Brauchen wir also noch das Théâtre National du Luxembourg?

Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.

Oder nicht? Hat er noch was zu sagen?.

Das Thema

Schauen wir in das Programm dieser Jubiläumsspielzeit. Vor einem Jahr haben wir uns thematisch aufgelehnt, politische Fragen gestellt und im Théâtre National unser Bewusstsein für die gesellschaftliche Wirklichkeit geschärft. Doch ist der Gegner unsichtbar geblieben. Die Verletzungen sind nicht geheilt, die Wunden bluten weiter. Nur wissen wir nicht mehr wofür. Für welches Ziel, welches Ideal?

Wir verstehen nichts mehr von dem, was draußen vorgeht. Die Karawane mit den Politikern zieht an uns vorbei, der Schirm ist aufgespannt, irgendwo wird der Euro gerettet. Doch was ist der Sinn hinter alledem? Gibt es den Sinn überhaupt noch? Oder ist er uns entglitten, grassiert er am Rand, im Untergrund, im Unbewussten? Es ist zum Wahnsinnigwerden.

Halt. Müssen wir vielmehr den Sinn der Wirklichkeit im Theater nicht in seinem Spiegel suchen? Im Wahnsinn? Der Wahnsinn ist der Sinn des Theaters in diesen stürmischen Zeiten. Die Spielzeit 2012/13 des TNL steht daher unter der Überschrift WahnSinn.

Das Programm

Der schwankende (Zu schwankender Zeit und an schwankendem Ort), blutig-schöne (New Angels), unverständliche (Understandable?), korrupte (Der Revisor), mediale (Golden Shower), soziale (Les Bas Fonds) theatralische Wahn befragt die Wirklichkeit nach ihrem Sinn und behauptet eine andere Wirklichkeit, eine Wirklichkeit des Ersatzes (Late: A Cowboy Song), des Sexes (Les Liaisons Dangereuses), des Kampfes (Im Dickicht der Städte), der Rebellion (Prometheus), der Sehnsucht (Winter. Ein Roadmovie), des Todes (Abendschau) und der Gewalt (Die Demonstration).

Es wird aber auch geträumt (Amahl), getanzt (Tables), geschrieben (Concours d'écriture), und die jungen Leute singen Schiller (Ode an die Freude). Der "Auteur en résidence" Jean-Paul Maes kultiviert seinen verrückten Rosengarten (De Rousegaart), und genauso verrückt springen die Lipizzaner (Die Lipizzanernummer) durch das Theater. Große Namen, große Schauspieler, Sänger und Tänzer, aber auch weniger große Namen, aber genauso große Schauspieler, Sänger und Tänzer sind das Markenzeichen des Théâtre National du Luxembourg. Von John Malkovich bis zum 8-jährigen Teilnehmer der TNL Kannerbühn: Das TNL ist und bleibt auch in der neuen Spielzeit das Theater der Gegensätze und der Bewegung.

Die Bewegung

"Ein Theater, das auf den Grenzen tanzt" – so bezeichnete einmal eine große deutsche Tageszeitung das Théâtre National. Es ist aber auch ein Theater, das sich regelmäßig neu erfindet – neu erfinden muss. In den nächsten Jahren wird das Théâtre National einen weiteren Schritt tun. Mit den wesentlichen belgischen, deutschen und französischen Theatern der Großregion wird es in einem bedeutenden europäischen Projekt (InterReg) strukturell zusammenarbeiten, nicht bloß Gemeinsames auf die Bühne bringen, sondern auch nachhaltig kooperieren – künstlerisch und logistisch

Das andere Theater

In 15 Jahren - und seit 2005 auch in eigenem Haus - hat das TNL über 200 Produktionen auf die Bühne gebracht. Der Dank hierfür gebührt den zahlreichen Künstlern und Technikern, die den manchmal steinigen Weg mitgegangen sind – in Luxemburg und jenseits der Grenzen. Er gebührt den Verantwortlichen im Ministerium und in der Zivilgesellschaft, auch den Mäzenen und Unterstützern. Er gebührt den Freunden, die das Theater mitgegründet haben, und dem wunderbaren TNL-Team, das sooft das Unmögliche möglich macht. Vor allem gebührt er jedoch Ihnen, den Tausenden von Zuschauern, die uns seit Jahren die Treue halten oder eben erst neu zu uns gestoßen sind. Das Théâtre National du Luxembourg war von Anfang an "das andere Theater" gewesen. In der Zwischenzeit ist es im Zentrum der Luxemburger, vielleicht sogar der europäischen Theaterszene angekommen. Dennoch bleibt es "das andere Theater". Es hat keine Riesenbühne, ist trotz des großen Namens kein Prestigeunternehmen. Ihre Weihnachtsfeiern organisieren die Banken lieber in feudaleren Räumlichkeiten. Dennoch schlägt der rauhe Charme des TNL das interessierte Publikum in seinen Bann, die Theke lädt ein zum Verweilen, der Künstler trifft seinen Zuschauer – so unmittelbar wie nirgendwo sonst.

Vielleicht muss der Mohr noch ein paar Jahre bleiben.

Oder?

Frank Hoffmann
Intendant